GesetzlicheGrundlagen
Der Sächsische Landtag hat am 13. Dezember 2017 das „Zweite Gesetz zur Fortentwicklung des Kommunalrechts“ beschlossen. Ein Bereich dieser Novellierung der Sächsischen Gemeinde- und Landkreisordnung betrifft die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen. Konkret heißt es in den beiden Paragraphen, die seit dem 01.01.2018 in Kraft sind:
„Die Gemeinde / Der Landkreis soll bei Planungen und Vorhaben, die die Interessen von Kindern und Jugendlichen berühren, diese in angemessener Weise beteiligen. Hierzu soll die Gemeinde / der Landkreis geeignete Verfahren entwickeln und durchführen.“ (§ 47a SächsGemO bzw. § 43a SächsLKrO)
Regelungen zu Kinder- und Jugendbeteiligung für die Kommunalebene in Deutschland
Sachsen ist eines von dreizehn Bundesländern mit einer Verpflichtung zur Beteiligung von Kindern und Jugendlichen auf kommunaler Ebene. Auf der Landkreisebene gibt es eine solche Regelung noch in sieben weiteren Bundesländern. In der folgenden PDF-Datei finden sich die rechtlichen Regelungen der Bundesländer im grafischen Überblick und im Wortlaut.
Gesetzliche Reglungen zu Kinder- und Jugendbeteiligung auf allen Ebenen
Internationale Ebene
Allgemeine Erklärung der Menschenrechte
Art. 21, Abs. 1: „Jeder hat das Recht, an der Gestaltung der öffentlichen Angelegenheiten seines Landes unmittelbar oder durch frei gewählte Vertreter mitzuwirken.“
Charta der Grundrechte der Europäischen Union
Art. 24, Abs. 1: Die Meinung von Kindern „wird in den Angelegenheiten, die sie betreffen, in einer ihrem Alter und ihrem Reifegrad entsprechenden Weise berücksichtigt.“
UN-Kinderrechtskonvention
Art. 12, Abs. 1: „Die Vertragsstaaten sichern dem Kind, das fähig ist, sich eine eigene Meinung zu bilden, das Recht zu, diese Meinung in allen das Kind berührenden Angelegenheiten frei zu äußern, und berücksichtigen die Meinung des Kindes angemessen und entsprechend seinem Alter und seiner Reife.“
Nationale Ebene
Sozialgesetzbuch VIII
- § 1, Abs. 3 Satz 5: Die Jugendhilfe soll „dazu beitragen, positive Lebensbedingungen für junge Menschen und ihre Familien sowie eine kinder- und familienfreundliche Umwelt zu erhalten oder zu schaffen.“
- § 4a, Abs. 1: „Selbstorganisierte Zusammenschlüsse […] umfassen Selbstvertretungen sowohl innerhalb von Einrichtungen und Institutionen als auch im Rahmen gesellschaftlichen Engagements zur Wahrnehmung eigener Interessen sowie die verschiedenen Formen der Selbsthilfe.“
- § 4a, Abs. 2: „Die öffentliche Jugendhilfe arbeitet mit den selbstorganisierten Zusammenschlüssen zusammen, insbesondere zur Lösung von Problemen im Gemeinwesen oder innerhalb von Einrichtungen zur Beteiligung in diese betreffenden Angelegenheiten, und wirkt auf eine partnerschaftliche Zusammenarbeit mit diesen innerhalb der freien Jugendhilfe hin.“
- § 8, Abs. 1: „Kinder und Jugendliche sind entsprechend ihrem Entwicklungsstand an allen sie betreffenden Entscheidungen der öffentlichen Jugendhilfe zu beteiligen […].“
- § 8, Abs. 4: „Beteiligung und Beratung von Kindern und Jugendlichen nach diesem Buch erfolgen in einer für sie verständlichen, nachvollziehbaren und wahrnehmbaren Form.“
- § 11, Abs. 1: „Jungen Menschen sind die zur Förderung ihrer Entwicklung erforderlichen Angebote der Jugendarbeit zur Verfügung zu stellen. Sie sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen und von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden, sie zur Selbstbestimmung befähigen und zu gesellschaftlicher Mitverantwortung und zu sozialem Engagement anregen und hinführen. Dabei sollen die Zugänglichkeit und Nutzbarkeit der Angebote für junge Menschen mit Behinderungen sichergestellt werden.“
- § 12, Abs. 2: „In Jugendverbänden und Jugendgruppen wird Jugendarbeit von jungen Menschen selbst organisiert, gemeinschaftlich gestaltet und mitverantwortet […].“
- § 80, Abs. 1 Satz 2: „Die Träger der öffentlichen Jugendhilfe haben im Rahmen ihrer Planungsverantwortung […] den Bedarf unter Berücksichtigung der Wünsche, Bedürfnisse und Interessen der jungen Menschen und der Erziehungsberechtigten für einen mittelfristigen Zeitraum zu ermitteln […].“
Baugesetzbuch
- § 1, Abs. 6 Satz 3: Bei der Aufstellung der Bauleitpläne sind „die sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Bevölkerung, insbesondere die Bedürfnisse der Familien, der jungen, alten und behinderten Menschen […]“ zu berücksichtigen.
- § 3: „Die Öffentlichkeit ist möglichst frühzeitig über die allgemeinen Ziele und Zwecke der Planung, sich wesentlich unterscheidende Lösungen, die für die Neugestaltung oder Entwicklung eines Gebiets in Betracht kommen, und die voraussichtlichen Auswirkungen der Planung öffentlich zu unterrichten; ihr ist Gelegenheit zur Äußerung und Erörterung zu geben. Auch Kinder und Jugendliche sind Teil der Öffentlichkeit […].“
Sächsische Ebene
Verfassung des Freistaates Sachsen
Art. 9, Abs. 1: „Das Land erkennt das Recht eines jeden Kindes auf eine gesunde seelische, geistige und körperliche Entwicklung an.“
Art. 101: „Die Jugend ist […] zu sittlichem und politischem Verantwortungsbewusstsein, zu Gerechtigkeit und zur Achtung vor der Überzeugung des anderen, zu beruflichem Können, zu sozialem Handeln und zu freiheitlicher demokratischer Haltung zu erziehen.“
Sächsische Gemeindeordnung (SächsGemO) und Sächsische Landkreisordnung (SächsLKrO)
§ 47a SächsGemO und § 43a SächsLKrO: „Die Gemeinde / der Landkreis soll bei Planungen und Vorhaben, die die Interessen von Kindern und Jugendlichen berühren, diese in angemessener Weise beteiligen. Hierzu soll die Gemeinde / der Landkreis geeignete Verfahren entwickeln und durchführen.“
Sächsisches Schulgesetz
§ 1, Abs. 3: „Die schulische Bildung soll zur Entfaltung der Persönlichkeit der Schüler in der Gemeinschaft beitragen. Diesen Auftrag erfüllt die Schule, indem sie den Schülern […] Werte wie […] politisches Verantwortungsbewusstsein, Gerechtigkeit und Achtung vor der Überzeugung des anderen, berufliches Können, soziales Handeln und freiheitliche demokratische Haltung vermittelt, die zur Lebensorientierung und Persönlichkeitsentwicklung sinnstiftend beitragen und sie zur selbstbestimmten und verantwortungsbewussten Anwendung von Kenntnissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten führt […].“
§ 51 regelt die Schülermitwirkung und Schülervertretung und lädt z.B. dazu ein, das Leben und den Unterricht in ihrer Schule mitzugestalten. Schwerpunkte liegen insbesondere auf dem Informations-, Anhörungs- und Vorschlagsrecht, dem Vermittlungs- sowie dem Beschwerderecht. Einzelheiten der Mitwirkung von Lernenden sind seit 2005 im Abschnitt 3 der Schülermitwirkungsverordnung (SMVO) formuliert.
Gesetz über Kindertageseinrichtungen (SächsKitaG)
§ 6, Abs. 5: „Die Kinder wirken entsprechend ihrem Entwicklungsstand und ihren Bedürfnissen insbesondere im schulpflichtigen Alter bei der Gestaltung ihres Alltages in den Kindertageseinrichtungen mit.“
Fazit: Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen ist gesetzlich ausdrücklich festgeschrieben, sie ist jedoch nicht als Individualrecht einklagbar.
Gesetzliche Reglungen zu Kinder- und Jugendbeteiligung nach Räumen
Für alle Räume gelten § 8 SGB VIII, § 9 SGB VIII , Jugendschutzgesetz, UN-Kinderrechts-Konvention, Art. 3 GG
Jugendverbände/-ringe/-vereine/-initiativen
Jugendverbandsarbeit und Jugendorganisationen
Angebote und Einrichtungen
Jugendverbände, konfessionelle Jugendgruppen, politische Jugendbildung
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 4a, 12 SGB VIII
Was Beteiligung hier bedeutet
Selbstorganisation, gemeinschaftliche Gestaltung, Mitverantwortung und Interessenvertretung durch junge Menschen; Förderung selbstorganisierter Zusammenschlüsse
Offizielle Quellen
§ 4a SGB VIII, § 12 SGB VIII
Jugendarbeit
Offene Kinder- und Jugendarbeit
Angebote und Einrichtungen
Jugendzentren, Jugendhäuser, Spielmobile, Ferienangebote, Kultur- und Medienarbeit
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§ 11 SGB VIII, Abs. 1
Was Beteiligung hier bedeutet
Angebote sollen an den Interessen junger Menschen anknüpfen, von ihnen mitbestimmt und mitgestaltet werden und sie zu gesellschaftlicher Mitverantwortung befähigen
Offizielle Quellen
§ 11 SGB VIII
Jugendsozialarbeit
Angebote und Einrichtungen
Jugendberufshilfe, Ausbildungshilfen, Streetwork, mobile Jugendarbeit, sozialpädagogisch begleitetes Wohnen
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§ 11 SGB II; §§ 31a, 33 SGB III
Was Beteiligung hier bedeutet
Beteiligung bei Zielvereinbarungen, Förderplanung, Auswahl von Maßnahmen und beruflichen Perspektiven; allgemeines Beteiligungsrecht aus § 8 bleibt anwendbar
Offizielle Quellen
§ 11 SGB II, § 33 SGB III, § 31a SGB III
Erzieherischer Kinder- und Jugendschutz
Angebote und Einrichtungen
Präventionsarbeit zu Gewalt, Medien, Sucht, Sexualität, Extremismus und Gesundheit
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§ 14 SGB VIII
Was Beteiligung h
Jugendarbeit/ Ausbildung
Schulsozialarbeit
Angebote und Einrichtungen
Beratung in Schulen, Gruppenangebote, Krisenhilfe, Übergang Schule–Beruf
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§ 13a SGB VIII; § 51 Sächsisches Schulgesetz; § 2 Schülermitwirkungsverordnung; § 21 LJHG
Was Beteiligung hier bedeutet
Beteiligung an der Ausgestaltung der Beratung und bei individuellen Unterstützungsprozessen; schulische Mitwirkung zusätzlich über Klassenvertretung, Schülervertretung und Schulkonferenz
Offizielle Quellen
§ 13a SGB VIII, § 51 Sächsisches Schulgesetz, § 2 Schülermitwirkungsverordnung, § 21 LJHG Sachsen
Jugendarbeit/ Hilfen zur Erziehung
für den Raum Hilfen zur Erziehung gilt immer § 36 SGB VIII
Übergreifende Kinder- und Jugendhilfe
Angebote und Einrichtungen
Jugendamt, freie Träger, Beratungsstellen, Einrichtungen
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
Art. 12 UN-Kinderrechtskonvention; §§ 5, 10a SGB VIII
Was Beteiligung hier bedeutet
Beteiligung an allen Entscheidungen der Jugendhilfe entsprechend Alter und Entwicklungsstand; verständliche Beratung; Berücksichtigung von Wünschen; Wahl zwischen geeigneten Diensten und Einrichtungen
Offizielle Quellen
§ 5 SGB VIII, § 10a SGB VIII, UN-KRK
Teilhabe von Kindern mit körperlicher oder geistiger Behinderung
Angebote und Einrichtungen
Frühförderung, Assistenz, Schulbegleitung, Wohn- und Teilhabeleistungen
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 4, 8, 19 SGB IX; SGB VIII; Art. 23 UN-KRK
Was Beteiligung hier bedeutet
Kinder mit Behinderungen sind alters- und entwicklungsentsprechend an Planung und Ausgestaltung ihrer Hilfen zu beteiligen; Wunsch- und Wahlrecht sowie personenzentrierte Bedarfsermittlung
Offizielle Quellen
§ 4 SGB IX, § 8 SGB IX, § 19 SGB IX, UN-KRK
Hilfen für junge Volljährige und Leaving Care
Angebote und Einrichtungen
Verselbstständigung, Nachbetreuung, betreutes Jugendwohnen
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 4a, 41, 41a SGB VIII
Was Beteiligung hier bedeutet
Junge Volljährige entscheiden als Leistungsberechtigte selbst; Beteiligung an Übergangs-, Wohn-, Bildungs- und Nachbetreuungsplanung
Offizielle Quellen
§ 4a SGB VIII, § 41 SGB VIII, § 41a SGB VIII
Suchtprävention und Suchthilfe
Angebote und Einrichtungen
Jugend- und Drogenberatung, Prävention, ambulante und stationäre Suchthilfe
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 11, 13, 14 SGB VIII; Patientenrechte §§ 630d ff. BGB (Jugendliche ab 14 Jahren sind je nach geistiger Reife einsichtsfähig und können selbst bestimmen)
Was Beteiligung hier bedeutet
Freiwilligkeit, verständliche Aufklärung, gemeinsame Zielplanung und Beteiligung an der Auswahl von Beratungs- und Behandlungsangeboten
Offizielle Quellen
§ 11 SGB VIII, § 13 SGB VIII, § 14 SGB VIII, §§ 630a ff. BGB
Hilfen zur Erziehung
für den Raum Hilfen zur Erziehung gilt immer § 36 SGB VIII
Gemeinsame Wohnformen für Eltern und Kinder
Angebote und Einrichtungen
Mutter-/Vater-Kind-Einrichtungen
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§ 19 SGB VIII
Was Beteiligung hier bedeutet
Beteiligung der jungen Eltern und – altersabhängig – der Kinder an Hilfezielen, Alltagsgestaltung, Regeln und Übergangsplanung
Offizielle Quellen
§ 19 SGB VIII
Erziehungsberatung
Angebote und Einrichtungen
Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und Familien
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§ 28 SGB VIII; § 65 SGB VIII
Was Beteiligung hier bedeutet
Kinder und Jugendliche können eigene Beratungsanliegen einbringen; Beratung kann bei Not- und Konfliktlagen unter Voraussetzungen vertraulich und ohne Kenntnis der Eltern stattfinden
Offizielle Quellen
§ 28 SGB VIII, § 65 SGB VIII
Ambulante Hilfen zur Erziehung
Angebote und Einrichtungen
Erziehungsbeistandschaft, Betreuungshelfer, sozialpädagogische Familienhilfe, soziale Gruppenarbeit
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 27, 31 SGB VIII
Was Beteiligung hier bedeutet
Beratung vor Beginn oder Veränderung einer Hilfe; Beteiligung an der Bedarfsermittlung, Auswahl der Hilfe, Formulierung der Ziele und regelmäßigen Hilfeplangesprächen
Offizielle Quellen
§ 27 SGB VIII, § 31 SGB VIII
Tagesgruppen und teilstationäre Hilfen
Angebote und Einrichtungen
Sozialpädagogische Tagesgruppen
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§ 32 SGB VIII
Was Beteiligung hier bedeutet
Beteiligung an Hilfeplanung, Förderzielen, Gruppenregeln, Tagesabläufen und der Bewertung des Hilfeverlaufs
Offizielle Quellen
§ 32 SGB VIII
Vollzeitpflege und Pflegekinderhilfe
Angebote und Einrichtungen
Pflegefamilien, Bereitschaftspflege, Verwandtenpflege
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 33, 37, 37a–37c SGB VIII
Was Beteiligung hier bedeutet
Beteiligung bei Auswahl der Pflegefamilie, Perspektivklärung, Hilfeplanung, Umgangskontakten und Rückkehr- oder Dauerverbleibsperspektive; Sicherung der Rechte des Pflegekindes
Offizielle Quellen
§ 33 SGB VIII, § 37 SGB VIII, §§ 37a–37c SGB VIII
Heimerziehung und betreute Wohnformen
Angebote und Einrichtungen
Wohngruppen, Kinderheime, Jugendwohnen, intensivpädagogische Einrichtungen
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 34, 35, 45 SGB VIII
Was Beteiligung hier bedeutet
Beteiligung an Hilfeplanung und Alltagsentscheidungen; Einrichtungen müssen Beteiligungs- und Beschwerdeverfahren innerhalb und außerhalb der Einrichtung gewährleisten
Offizielle Quellen
§ 34 SGB VIII, § 35 SGB VIII, § 45 SGB VIII
Intensive sozialpädagogische Einzelbetreuung
Angebote und Einrichtungen
Individualpädagogische Betreuung, aufsuchende Einzelhilfen
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§ 35 SGB VIII
Was Beteiligung hier bedeutet
Enge gemeinsame Vereinbarung der Ziele und Arbeitsformen; Beteiligung ist wegen der individualisierten Hilfe ein zentraler Bestandteil der Hilfeplanung
Offizielle Quellen
§ 35 SGB VIII
Eingliederungshilfe bei seelischer Behinderung
Angebote und Einrichtungen
Ambulante, teilstationäre oder stationäre Hilfen nach § 35a SGB VIII
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§ 35a SGB VIII; §§ 4, 8 SGB IX
Was Beteiligung hier bedeutet
Beteiligung an Bedarfsermittlung, Gesamt- beziehungsweise Hilfeplanung und Auswahl der Leistung; Wünsche zur Gestaltung der Hilfe sind zu berücksichtigen
Offizielle Quellen
§ 35a SGB VIII, § 4 SGB IX, § 8 SGB IX
Kinderschutz und Kindeswohlgefährdung
Angebote und Einrichtungen
Jugendamt, Kinderschutzdienste, insoweit erfahrene Fachkräfte
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 8a, 8b SGB VIII; §§ 1666, 1666a BGB
Was Beteiligung hier bedeutet
Kind und Eltern sollen in die Gefährdungseinschätzung einbezogen werden, soweit dadurch der wirksame Schutz nicht gefährdet wird; Beteiligung kann aus Schutzgründen begrenzt oder angepasst werden
Offizielle Quellen
§ 8a SGB VIII, § 8b SGB VIII, § 1666 BGB
Inobhutnahme und Krisenintervention
Angebote und Einrichtungen
Notaufnahme, Bereitschaftspflege, Schutzstelle
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§ 42 SGB VIII
Was Beteiligung hier bedeutet
Das Jugendamt muss das Kind oder den Jugendlichen über die Maßnahme aufklären, seine Situation klären und ihm Gelegenheit geben, eine Vertrauensperson zu benachrichtigen; der Wille zur Unterbringung ist zu berücksichtigen
Offizielle Quellen
§ 42 SGB VIII
Ombudschaft und Beschwerdeberatung
Angebote und Einrichtungen
Unabhängige Ombudsstellen der Kinder- und Jugendhilfe
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§ 9a SGB VIII; bei Einrichtungen zusätzlich § 45 SGB VIII
Was Beteiligung hier bedeutet
Unabhängige Beratung und Konfliktklärung bei Auseinandersetzungen mit Jugendämtern oder Trägern; Unterstützung dabei, eigene Rechte, Beschwerden und Beteiligungsansprüche durchzusetzen
Offizielle Quellen
§ 9a SGB VIII, § 45 SGB VIII
Jugendgerichtshilfe/Jugendhilfe im Strafverfahren
Angebote und Einrichtungen
Jugendgerichtshilfe, Diversion, Täter-Opfer-Ausgleich, ambulante Maßnahmen
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§ 52 SGB VIII; §§ 38, 67–70c JGG
Was Beteiligung hier bedeutet
Jugendliche müssen verständlich über das Verfahren, ihre Rechte und mögliche Folgen informiert werden; die Jugendgerichtshilfe bringt ihre persönliche und soziale Situation sowie ihre Sicht in das Verfahren ein
Offizielle Quellen
§ 52 SGB VIII, § 38 JGG, JGG
Jugendstrafvollzug und Jugendarrest
Angebote und Einrichtungen
Sozialer Dienst in Jugendstrafanstalten, Entlassungsvorbereitung, Arrestbegleitung
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
JGG; Jugendstrafvollzugsgesetze und Jugendarrestvollzugsgesetze der Länder
Was Beteiligung hier bedeutet
Beteiligung an Erziehungs-, Förder-, Vollzugs- und Entlassungsplänen sowie Beschwerderechte; die konkreten Regelungen unterscheiden sich je nach Bundesland
Offizielle Quellen
JGG, REVOSax
Kinder- und Jugendpsychiatrie
Angebote und Einrichtungen
Kliniksozialdienst, ambulante Psychiatrie, Krisendienst, psychosoziale Beratung
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 630d, 630e BGB; § 1631b BGB; FamFG; Psychisch-Kranken-Gesetze der Länder
Was Beteiligung hier bedeutet
Einwilligungsfähige Minderjährige müssen selbst aufgeklärt werden und einwilligen. Bei nicht einwilligungsfähigen Kindern sind sie dennoch entsprechend ihrem Verständnis einzubeziehen. Freiheitsentziehende Unterbringung unterliegt besonderen gerichtlichen Vorgaben
Offizielle Quellen
§ 630d BGB, § 630e BGB, § 1631b BGB, REVOSax
Wohnungslosenhilfe für Jugendliche
Angebote und Einrichtungen
Notschlafstellen, Streetwork, Jugendwohnen, Übergangshilfen
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 13, 19, 27 ff., 41 SGB VIII; je nach Fall § 22 Abs. 5 SGB II; § 67 SGB XII
Was Beteiligung hier bedeutet
Beteiligung an der Auswahl der Wohnform, der Unterstützungsplanung und an Entscheidungen zu Schule, Ausbildung, Finanzen und Verselbstständigung
Offizielle Quellen
§ 13 SGB VIII, § 41 SGB VIII, § 22 Abs. 5 SGB II, § 67 SGB XII
Gewalt-, Missbrauchs- und Opferberatung
Angebote und Einrichtungen
Fachberatungsstellen, Frauenhäuser mit Kindern, Kinderschutzambulanzen, Prozessbegleitung
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 8a, 8b SGB VIII; Gewaltschutzgesetz; §§ 29, 31 SGB XIV
Was Beteiligung hier bedeutet
Kinder und Jugendliche werden bei Schutz- und Unterstützungsplanung beteiligt; Sicherheit und Schutz haben Vorrang. Informationen und Befragungen müssen alters- und traumasensibel erfolgen
Offizielle Quellen
§ 8a SGB VIII, § 8b SGB VIII, Gewaltschutzgesetz, SGB XIV
Vormundschaft und Pflegschaft
Angebote und Einrichtungen
Amtsvormundschaft, Vereins- oder Berufsvormundschaft, Ergänzungspflegschaft
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 1788, 1790 BGB; §§ 53–57 SGB VIII
Was Beteiligung hier bedeutet
Das Kind hat ein Recht auf persönlichen Kontakt, Achtung seines Willens und Beteiligung an eigenen Angelegenheiten. Der Vormund muss Entscheidungen mit ihm besprechen und Einvernehmen anstreben.
Offizielle Quellen
§ 1788 BGB, § 1790 BGB, § 53 SGB VIII
Hilfen zur Erziehung/ Förderale Ebene
Unbegleitete minderjährige Geflüchtete
Angebote und Einrichtungen
Vorläufige Inobhutnahme, Clearing, Vormundschaft, Jugendhilfeeinrichtungen
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 42a–42f SGB VIII; § 36 SGB VIII; § 3 BauGB
Was Beteiligung hier bedeutet
Beteiligung bei Altersfeststellung, Verteilung, Unterbringung, Hilfeplanung, Vormundschaft und aufenthaltsrechtlichen Fragen; Informationen müssen verständlich und gegebenenfalls übersetzt vermittelt werden
Offizielle Quellen
§ 42a SGB VIII, § 42f SGB VIII, § 36 SGB VIII, § 3 BauGB
Förderale Ebene
Jugendhilfeplanung und kommunale Beteiligung
Angebote und Einrichtungen
Jugendhilfeplanung, Bedarfsplanung, Sozialraumplanung
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 71, 79, 80 SGB VIII; Kommunalverfassungen der Länder
Was Beteiligung hier bedeutet
Wünsche, Bedürfnisse und Interessen junger Menschen müssen bei der Jugendhilfeplanung berücksichtigt werden; direkte Jugendforen oder Jugendparlamente richten sich häufig nach Landes- und Kommunalrecht
Offizielle Quellen
§ 71 SGB VIII, § 79 SGB VIII, § 80 SGB VIII, Kommunalverfassung Sachsen
Familie
für den Raum Familie gilt immer § 45 SGB VIII, § 1626 Abs. 2 BGB
Familiengerichtliche Verfahren
Angebote und Einrichtungen
Mitwirkung des Jugendamts, Verfahrensbeistandschaft, Umgangs- und Sorgerechtsverfahren
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§ 50 SGB VIII; §§ 158–159, 162, 164 FamFG
Was Beteiligung hier bedeutet
Das Kind soll grundsätzlich persönlich angehört werden; ein Verfahrensbeistand kann seine Interessen feststellen und im Verfahren zur Geltung bringen; Entscheidungen sind dem Kind altersgerecht bekannt zu geben.
Offizielle Quellen
§ 50 SGB VIII, § 158 FamFG, § 159 FamFG, § 164 FamFG
Adoptionsvermittlung und Adoptionsbegleitung
Angebote und Einrichtungen
Adoptionsvermittlungsstellen, Jugendamt, Beratung von Adoptivfamilien
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 1746, 1748 BGB; Adoptionsvermittlungsgesetz; FamFG
Was Beteiligung hier bedeutet
Das Kind ist entsprechend Alter und Reife aufzuklären und anzuhören. Ab 14 Jahren ist grundsätzlich seine persönliche Einwilligung in die Adoption erforderlich. Bei internationalen Adoptionen müssen Wünsche und Zustimmung berücksichtigt werden.
Offizielle Quellen
§ 1748 BGB, § 1746 BGB, AdVermiG
Familienbildung und Familienberatung
Angebote und Einrichtungen
Erziehungsberatung, Familienbildung, Trennungs- und Scheidungsberatung, Umgangsberatung
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 16–18 SGB VIII
Was Beteiligung hier bedeutet
Kinder und Jugendliche sind einzubeziehen, wenn Entscheidungen oder Beratungsprozesse sie betreffen; ihre Sicht auf Familie, Umgang und Unterstützungsbedarf ist altersangemessen zu berücksichtigen
Offizielle Quellen
SGB VIII
Kita & Hort
für Kita & Hort gilt immer § 28 SGB II, § 45 SGB VIII
Kindertagesbetreuung
Angebote und Einrichtungen
Krippe, Kindergarten, Hort, Kindertagespflege
Gesetzliche Grundlage zur Beteiligung
§§ 22, 22a SGB VIII; § 6 SächsKitaG
Was Beteiligung hier bedeutet
Beteiligung im pädagogischen Alltag, beispielsweise bei Aktivitäten, Essen, Ruhe, Raumgestaltung und Regeln; konkrete Beteiligungsrechte werden häufig im jeweiligen Landesrecht geregelt
Offizielle Quellen
§ 22 SGB VIII, § 22a SGB VIII, § 6 SächsKitaG
Rechtsgutachten Kinder- und Jugendparlamente
Das Deutsche Kinderhilfswerk hat 2022 ein Rechtsgutachten mit dem Titel „Rechtliche Rahmenbedingungen der institutionellen Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in kommunalen Kinder- und Jugendparlamenten in Deutschland“ veröffentlicht, das die Regelungen in den einzelnen Bundesländern in den Blick nimmt.
Einordnung und Bewertung durch uns
Dem Hinweis „Idealerweise sind Kinder- und Jugendparlamente Teil einer vielfältigen Beteiligungslandschaft in den Kommunen.“ (Präambel) können wir uns ausdrücklich anschließen.
Darüber hinaus leitet das Gutachten die Legitimität von Kinder- und Jugendparlamenten aus der Verpflichtung zur Berücksichtigung der Interessen junger Menschen laut Art. 12 Kinderrechtskonvention her.
Die Annahme, dass Kinder- und Jugendparlamente die Kinderperspektive besonders wirksam vertreten könnten (S. 33 & 47), möchten wir ergänzen um den Hinweis, dass sie dazu möglicherweise besser als Erwachsenengremien, nicht jedoch zwingend besser als andere Formate der Kinder- und Jugendbeteiligung in der Lage sind. Hinzu kommen die bereits vielfach diskutierten blinden Flecken in Hinsicht auf Diversität & Responsivität der Jugendgremien.
Abgrenzen möchten wir uns von der Einschätzung, dass § 47a SächsGemO zur Etablierung von Kinder- und Jugendparlamenten aufruft und ihre Gründung in möglichst vielen Kommunen daher anzustreben sei (S. 62). Aus unserer Sicht soll der sächsische Beteiligungsparagraf gerade eine große Vielfalt an Formen, Orten und Methoden der Beteiligung ermöglichen. Gut funktionierende Kinder- und Jugendparlamente sind sehr voraussetzungsreich, zu Gelingensbedingungen und Stolpersteinen beraten wir gern. Ebenso wie zu allen anderen Beteiligungsformen, die zu den Anliegen der Akteure vor Ort sowie den jeweiligen Rahmenbedingungen passen.
Dies vorangestellt, kann das Gutachten eine wertvolle Argumentationshilfe sein, die Mitsprachemöglichkeiten junger Menschen in Kommunen, Landkreisen und Jugendhilfeausschüssen zu fördern und auszuweiten. Nutz es gern für eure wichtige Arbeit.


